Wortlos

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Sprachen ermöglichen es den Menschen untereinander über die Welt, wie sie sie wahrnehmen, zu kommunizieren. Begriff und Ding fallen dabei gedanklich zusammen und bilden eine feste, untrennbare Einheit. Die Bezeichnung für einen Gegenstand wird zum Gegenstand selbst und umgekehrt. Die Bildsprache, zu der die Sprache der Fotografie gehört, kennt diese Verschmelzung von Wort und Gegenstand nicht. Sie bedient sich anderer Mittel, um die Welt darzustellen und muss nicht den Umweg über Begrifflichkeiten nehmen. Obwohl das menschliche Gehirn problemlos auch zu Fotografien der Realität Worte findet, sind diese nie allgemeingültig. Fotografien ermöglichen einen direkten, individuellen Zugang zu Realität. Sie kommunizieren Gegenstände unmittelbarer und damit auch vielfältiger als es mit gesprochener oder geschriebener Sprache möglich ist. Sprache vermittelt lediglich eine bestimmte Sichtweise, eine bestimmte Interpretation eines Gegenstandes oder Sachverhaltes. Jeder real existierenden Erscheinung wird eindeutig ein Wort zugeordnet, damit es nicht zu Verwechslungen kommen kann und damit Kommunikation überhaupt möglich ist. Fotografien sind jedoch keinen Konventionen unterworfen und stehen nicht in der Verantwortung Eindeutiges kommunizieren zu müssen. Sie dürfen durch ihre Wortlosigkeit mehrdeutig sein und genau darin liegt ihr Reiz. Sprache gibt den Dingen Namen. Fotografie lässt die Dinge selbst „sprechen“. Und es kommt auf den jeweiligen Betrachter an, wie und ob er sie versteht. Was das „höchste Wissen“ über jedes einzelne Ding ist lässt die Fotografie bewusst offen. Sie ist eine bescheidene Sprache, die nicht benennt und nicht vorab wertet. Jeder Gegenstand, und sei er noch so klein, darf namenlos für sich stehen und individuell wirken.

Darin liegt auch der Reiz für mich. Es geht nicht um ein reißerisches Darstellen von Geschichten, zu denen jeder vorgefertigte Worte im Kopf hat und die daher sowieso bereits Allgemeinplätze sind. Es geht um ein leises Hindeuten auf kleine, durchaus auch unbedeutende Ausschnitte unserer Wirklichkeit, über die wenig oder gar nicht gesprochen wird. Ich gehe wort- und wertungslos, spielerisch, an die Formen und Farben der Realität heran und macht sie mit Liebe zum Detail zu Motiven. Alles erscheint interessant genug, um in meinem Medium „zu Wort zu kommen“. Still wirken die Bilder. Still deshalb, weil sie nicht allgemein verständlich, laut sprechen, sondern weil ihre Sprache sich erst nach und nach bei jedem Betrachter einzeln verständlich machen kann. Ich schätze und nutze die Möglichkeiten, die die Fotografie als wortlose Kommunikation mir bietet. Ich habe die Sprache des Sehens zu meinem Medium gemacht, mit dem ich dem Betrachter behutsam anzusprechen versuche. Schriftsteller schaffen durch das Medium der Sprache allgemein verständliche Bilder. Fotografen kehren diesen Prozess um und schaffen mittels der Bilder Sprache. Eine eigene Sprache, die zwar sehr wohl verstehbar, aber nicht für jedermann auf die gleiche Weise verständlich ist.